Interview mit Bea Trampenau, Tochter von Richard Trampenau, 2017 (Auszug)
Gedenkstätte Wolfenbüttel
Leben vor der Haft
Richard Trampenau wurde am 20. Juli 1910 in Wilhelmsburg – heute ein Stadtteil Hamburgs – geboren. Der Ort war sehr vom Hafen geprägt. Sein Vater starb als Soldat 1918 im Ersten Weltkrieg. 1924 begann er eine Lehre bei einer Werft als Schiffsbautischler und wurde Gewerkschaftsmitglied. Später war er zunächst im KJVD (Kommunistischer Jugendverband Deutschlands) und ab 1932 in der KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) organisiert. Richard Trampenau fiel durch seine Größe von 1,95 Metern und seine roten Haare auf.
„Er wollte alles tun, dass es keinen Krieg gibt“
Bea Trampenau
Tochter von Richard Trampenau, 2017
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Mehr InformationenZu dieser Zeit gab es viele Demonstrationen und Straßenkämpfe. Richard Trampenau beteiligte sich daran.
„Ein Spielmannszug, der eine Kampfsportgruppe war“
Bea Trampenau
Tochter von Richard Trampenau, 2017
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Mehr InformationenVerurteilung und Haft in Celle
Unmittelbar nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten wurden am späten Abend des 31. Januar 1933 in Wilhelmsburg Angehörige des rechtsnationalen Stahlhelmbundes angeschossen. Mehrere Zeugen bestätigten, dass Richard Trampenau bei dem Vorfall nicht anwesend war. Trotzdem verurteilte das SondergerichtAb dem 21. März 1933 in jedem Oberlandesgerichtsbezirk eingerichtet, dienten die Sondergerichte der schnellen strafrechtlichen Ahndung regimekritischen Verhaltens. In sog. Schnellverfahren wurden mehrere 1.000 Menschen unterschiedlicher Herkunft zum Tode verurteilt. Hannover ihn im Alter von 23 Jahren im „Wilhelmsburger Aufruhrprozess“ zum Tode – man habe ihn aufgrund seiner Größe „identifiziert“. Nur eine Stunde vor der Vollstreckung am 29. August 1933 wurde die Hinrichtung ausgesetzt. Das Verfahren wurde wieder aufgenommen und das Urteil in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt. Fast elf Jahre war Richard Trampenau im ZuchthausDie Zuchthaushaft wurde als Freiheitsstrafe bei Kriminaldelikten zusammen mit dem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verhängt. Die mildere Freiheitsstrafe war die Gefängnishaft. Unter dem NS-Regime wurden die im Zuchthaus verhängten Strafmaßnahmen, insbesondere Zwangsarbeit und Entbehrung, stark verschärft. Celle inhaftiert, die ersten sechs in Einzelhaft.
Brief der Oberstaatsanwaltschaft Hannover an Dr. Ernst Wörmer zur Vollstreckung des Urteils, 26.08.1933
Privatbesitz Bea Trampenau
Haft im Strafgefängnis Wolfenbüttel und Befreiung
Am 6. April 1945 wurde Richard Trampenau zusammen mit vielen weiteren Inhaftierten aus dem Zuchthaus Celle in das Strafgefängnis Wolfenbüttel transportiert. Viele Gefangene starben während dieses Transports; die genaue Zahl ist nicht bekannt. Richard Trampenau wurde schwer verletzt.
„Schließlich kamen wir im Gefängnis Wolfenbüttel an. […] Ich war bewußtlos und wurde in eine Ecke geschmissen, wo schon Leichen lagen. Ein russischer Gefangener hat gesehen, daß ich noch lebte, und hat mich in einem unbeobachteten Moment dort herausgezogen.
Ich kam dann zusammen mit Russen in eine Zelle. Wir waren 20 Mann und mußten auf dem nackten Fußboden liegen. Das ging einige Tage so. Dann hat ein Kalfaktor herausbekommen, daß ich Deutscher bin, und hat mich verraten. Ich wurde herausgeholt und kam in eine Einzelzelle.“
Richard Trampenau: Aus dem Zuchthaus ins befreite Wilhelmsburg, in: Demokratie in kurzen Hosen. Die BefreiungBelgien: Das komplette Staatsgebiet Belgiens wurde am 4. Februar 1945 befreit. Niederlande: Im September 1944 konnte durch die Alliierten nur ein kleiner Teil im Süden der Niederlande befreit werden. Das restliche Staatsgebiet wurde am 5. Mai 1945 befreit. Norwegen: Die Besatzung endete mit der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945. Harburgs und Wilhelmsburgs vom Faschismus und die verpaßten Chancen nach 1945. Interviews und Berichte, Seite 45-46 (Auszug)
„[…] in diesen sechs, sieben Tagen ist er mehrfach ermordet worden“
Bea Trampenau
Tochter von Richard Trampenau, 2017
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Mehr InformationenAm 11. April 1945 befreite die US-Armee das Strafgefängnis Wolfenbüttel. Statt auf seine Entlassungspapiere zu warten, kletterte Richard Trampenau mit einer Leiter über die Gefängnismauer – seine Selbstbefreiung.
„Er wollte als freier Mann gehen“
Bea Trampenau
Tochter von Richard Trampenau, 2017
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Mehr InformationenHaftfolgen und Entschädigung
Richard Trampenau wurde von der britischen Militärregierung als politischer Gefangener anerkannt und in Wilhelmsburg zur Entnazifizierung eingesetzt, bald aber durch SPD-Mitglieder abgelöst. Durch die lange Haft hatte er gesundheitliche Schäden erlitten. Es gelang ihm aber, die Meisterprüfung als Tischler abzulegen, doch eine dauerhafte Anstellung fand er nicht.
Richard Trampenau bemühte sich sein gesamtes Leben darum, eine angemessene Entschädigung und Anerkennung für das Unrechtsurteil zu erhalten. Nach einer Wiederaufnahme des Verfahrens erließ das Landgericht Hannover die Strafe am 23. April 1946. Das nationalsozialistische Urteil wurde allerdings erst Ende 1948 aufgehoben.
Richard Trampenau beantragte noch im Jahr 1948 eine Verletztenrente und stellte einen Antrag auf Haftentschädigung. Ärztliche Gutachten bestätigten ihm gesundheitliche Schäden infolge der Haft. Beide Anträge wurden bewilligt.
Beim Land Niedersachen beantragte Richard Trampenau Entschädigung für den durch die Haftzeit entgangenen Lohn. Ohne das Unrechtsurteil hätte er, so sein Argument, in der Zeit einen eigenen Tischlerbetrieb aufbauen können. Zwar erhielt er Entschädigung für Lohnausfall und verminderte Erwerbsfähigkeit während und nach der Haft. Allerdings legte das Land Niedersachsen eine deutlich niedrigere Berechnungsgrundlage an und zog Verpflegungskosten für seine Haftzeit ab.
Berechnung der Entschädigungssumme für Richard Trampenau, 22.08.1949 (Markierungen durch Richard Trampenau persönlich)
Privatbesitz Bea Trampenau
Richard Trampenau empfand die Berechnung als Ungerechtigkeit und ging an die Öffentlichkeit. Es begann ein Rechtsstreit. Trotz der Unterstützung durch den SPD-Abgeordneten Herbert Wehner endete das Verfahren 1957 vor dem Bundesgerichtshof in einem Vergleich. Die hohen Anwaltskosten brauchten einen Großteil seiner früheren Entschädigungssumme auf.
Richard Trampenau beantragte daraufhin im Rahmen des BEG Entschädigung wegen „Schaden an Freiheit“ und „Schaden am Eigentum“, scheiterte aber. Sein Antrag auf Entschädigung wegen „Schaden an beruflichem Fortkommen“ wurde zwar bewilligt, allerdings erkannte die Behörde erneut nicht an, dass er ohne die Verurteilung einen eigenen Betrieb hätte aufbauen können. Sein Widerspruch blieb erfolglos.
„Später war ich oft verbittert, daß all die Richter, Staatsanwälte, Polizisten und Zuchthausbeamten ganz gut von ihren Pensionen leben konnten, während wir, ihre Opfer, lange und manchmal vergeblich um eine Entschädigung kämpfen mußten.“
Richard Trampenau: Aus dem Zuchthaus ins befreite Wilhelmsburg, Seite 50 (Auszug)
Ablehnungsbescheid der Freien und Hansestadt Hamburg über den Antrag auf Zuerkennung einer weiteren Entschädigung für Schaden am beruflichen Fortkommen, Hamburg, 8.3.1968
Privatbesitz Bea Trampenau
Auswirkungen auf die Familie
Bis zu seinem Tod im Jahr 1998 war Richard Trampenau als Zeitzeuge aktiv und machte auch seinen Rechtsstreit mit der Bundesrepublik Deutschland zum Thema.
„…das war […] sein Lieblingsthema“
Bea Trampenau
Tochter von Richard Trampenau, 2017
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Mehr InformationenBea Trampenau, die Tochter von Richard Trampenau, wurde 1962 geboren. Nach der Scheidung ihrer Eltern 1974 lebte sie bei ihrer Mutter. Dennoch war ihr Leben stark von ihrem Vater und den Folgen seiner Haft geprägt.
„Ich wusste nur, dass mein Vater Verfolgter des Faschismus war, dass er als Kommunist verfolgt war“
Bea Trampenau
Tochter von Richard Trampenau, 2017
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Mehr InformationenSie arbeitet als Sozialarbeiterin und Sachbuchautorin, engagierte sich in der Hamburger Frauen- und Lesbenbewegung und ist seit 2010 Geschäftsführerin der Antifaschistischen Erholungs- und Begegnungsstäte Heideruh. Für ihr Lebenswerk erhielt sie 2016 den Paula-Mielke-Preis für Vielfalt und Zivilcourage.






