Urteil XXX, Datum (Auszug)

Landesarchiv NRW, Abt. Ostwestfalen-Lippe, D 1 BEG Nr. 1778, Entschädigungskammer, Landgericht Detmold, 1957

Dr. Hugo Bresser

27. März 1894 – 12. April 1945

Leben vor der Haft

Hugo Bresser wurde am 27. März 1894 in Essen geboren. Ab 1914 kämpfte er als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg und erhielt u. a. das Eiserne Kreuz 1. Klasse und das Frontkämpferehrenkreuz. Auf seine 1920 abgeschlossene Promotion in Staatswissenschaften folgte eine Ausbildung zum Holzfachmann. Er war von 1923 bis 1926 Mitglied der Freimaurerloge „Alfred zur Linde“ in Essen, aus der er wegen seiner Auslandsaufenthalte austrat. Am 12. Dezember 1924 heiratete er die verwitwete Thea Borlinghaus, geborene Breidsprecher. Sie brachte ihren Sohn Karl Ludwig mit in die Ehe ein, den er später adoptierte. Hugo Bresser war beruflich weltweit erfolgreich: Ab 1925 leitete er mehrere Holzunternehmen in Westafrika, Mexiko und den USA.

Seit 1928 war er Geschäftsführer einer Berliner Sperrholzfabrik. Er wechselte 1930 als Verkaufsvertreter in die Firma Thalheimer, einem Hannoveraner Unternehmen mit Sperrholzfabrik in Wiedenbrück. Deren jüdische Eigentümerfamilie wurde ab 1936 wegen angeblicher Devisenvergehen verfolgt. Als Folge flohen oder emigrierten die Eigentümer Gustav und Isaak Thalheimer und deren Schwager Sigmund Hirschheimer. Unter massivem Druck trafen sie Ende 1938 mit den NS-Finanzbehörden eine Vereinbarung: Im Gegenzug für die Verfahrenseinstellung und Ausreiseerlaubnis von Familienangehörigen „übertrugen“ sie ihr Inlandsvermögen und ihre Firma dem Deutschen Reich. Hugo Bresser leitete die Firma Thalheimer ab September 1938 als staatlich bestellter Treuhänder.

Familie Bresser im Strandurlaub, 1930er Jahre
Fotograf*in unbekannt

Privatbesitz Daniel Bresser

„[...] eine offenbar glückliche Familie“

Daniel Bresser
Enkel von Hugo Bresser, 2025

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Anfang 1939 erhielt Hugo Bresser von Sigmund Hirschheimer persönlich in London die Zustimmung zum Erwerb der Firma. Die Genehmigung zum Erwerb der Firma hing jedoch von der Stellungnahme des Gauwirtschaftsberaters Christian Franke ab. Dieser willigte ein, beanspruchte dafür aber die Hälfte der Firma und eine Option auf die Geschäftsführung, die zunächst Hugo Bresser zufiel. Im Februar 1939 kauften Hugo Bresser und Christian Franke die in „Westdeutsche Sperrholzwerke Hugo Bresser & Co.“ umbenannte Firma für 1,6 Mio. RM vom Deutschen Reich.

Die Sperrholzfabrik produzierte nun insbesondere für den Bau von Jagdflugzeugen, sogenannten Jägern. Ab 1943 war Hugo Bresser Sonderbeauftragter für Holzbeschaffung im Jäger-Programm des Reichsministers Speer. Für seine Verdienste erhielt er das Kriegsverdienstkreuz.

Verurteilung zum Tode und Inhaftierung in Bielefeld, Dortmund und Wolfenbüttel

Im Sommer 1943 begannen Streitigkeiten zwischen Hugo Bresser und Christian Franke, der die Geschäftsführung übernehmen und Hugo Bresser aus dem Unternehmen drängen wollte. Der Streit eskalierte weiter. Hugo Bresser wurde beim Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion wegen regimekritischer Äußerungen denunziert. Der Oberingenieur der Firma, Otto Roos, wurde in den Konflikt mit hineingezogen. Er hatte zuvor Christian Franke erzählt, dass Hugo Bresser der NSDAP-Ausschluss 1941 wegen Logenzugehörigkeit „50.000 RM wert“ sei, weil er damit nach dem Ende der NS-Herrschaft seine Gegnerschaft zum Regime beweisen könne.

Staatsanwaltschaft Bielefeld, April 1944 (Auszug)

BArch, R 3017/30152

 „Von Schuften zu einem ehrlosen Mann gemacht worden“

Daniel Bresser
Enkel von Hugo Bresser, 2025

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Am 4. August 1944 wurde Hugo Bresser wegen „Wehrkraftzersetzung“ und „Rundfunkverbrechens“ zum Tode verurteilt und als „für immer ehrlos“ befunden. Wenige Tage später wurde er ins Gefängnis Dortmund verlegt. Gleichzeitig weitete sich die Verfolgung auf seine Familie und sein Umfeld aus. Hugo Bressers Privatvermögen wurde beschlagnahmt. Christian Franke klagte im September 1944 vor dem Landgericht Bielefeld auf Firmenausschluss Hugo Bressers. Während der Verhandlung warf Christian Franke Thea Bresser regimekritische Äußerungen vor, sodass nun auch sie eine Verhaftung befürchten musste. Dennoch ging sie, nachdem im Oktober 1944 Christian Frankes Klage entsprochen wurde, gegen das Urteil vor dem Reichsgerichtshof in Leipzig in Revision. Bis Kriegsende erging kein Urteil.

Schreiben des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD an den Justizrat Dr. Hans Wöstendiek, Berlin, 18.01.1945

Die juristische Anfechtung der Beschlagnahmung von Dr. Hugo Bressers Vermögen schlug fehl.

Landesarchiv NRW – Abteilung Ostwestfalen-Lippe, D 21 C Nr. 3839

Gleich nach dem Todesurteil bemühte sich Thea Bresser um die Begnadigung ihres Mannes. Die Kanzlei des Führers gewährte im September 1944 Aufschub der Urteilsvollstreckung bis zur Erledigung der Gnadenangelegenheit. Im Dezember 1944 befürwortete das Rüstungsministerium eine Begnadigung Hugo Bressers aufgrund seiner Unentbehrlichkeit für die Flugzeugproduktion. Der Reichsjustizminister und die Kanzlei des Führers unterstützten im Januar 1945 eine Umwandlung in eine zehnjährige Freiheitsstrafe. Da jedoch bis Mitte März 1945 die benötigte Einschätzung der Gauleitung Münster fehlte, stockte das Gnadenverfahren.

„Ein letztes Mal ihn lebend sehen“

Daniel Bresser
Enkel von Hugo Bresser, 2025

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Haftfoto von Hugo Bresser, vermutlich 1944
Fotograf*in unbekannt

Landesarchiv NRW – Abteilung Ostwestfalen-Lippe, D 1 BEG Nr. 7718

Am 12. Januar 1945 wurde Hugo Bresser ins Strafgefängnis Wolfenbüttel verlegt und am 8. April 1945 im Zuge eines großen Räumungstransports ins Gefängnis Magdeburg verbracht. Er verstarb dort am 12. April 1945. Laut der Gefängnisleitung Magdeburg waren Ruhr und Herzschwäche die Todesursache. Seine Frau vermutete jedoch eine Ermordung durch die Gestapo. Auch die britische Militärregierung ging später davon aus, dass in Magdeburg das „Todesurteil vollstreckt“ worden war. Umfangreiche Nachforschungen Thea Bressers zur Grabstätte ihres Mannes blieben erfolglos.

„Man sieht ihm an, dass er da schon gelitten hat“

Daniel Bresser,
Enkel von Hugo Bresser, 2025

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Auswirkungen auf die Familie: Jahrzehntelanger Kampf um Anerkennung und Entschädigung

Nach dreijähriger Berufungsklage erreichte Thea Bresser im Sommer 1948, dass Christian Franke seine Klage auf Firmenausschluss ihres Mannes zurückzog. Christian Franke wurde im November 1948 vom Schwurgericht Paderborn wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ zu zwei Jahren und 10 Monaten Haft verurteilt, da er die politische Verfolgung Hugo Bressers verursacht habe. Thea Bresser war an der Geschäftsführung der Firma vom Kriegsende bis zur Rückerstattung an Sigmund Hirschheimer im Frühjahr 1950 beteiligt.

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Daniel Bresser
Enkel von Hugo Bresser, 2025

Die Entschädigungsbemühungen Thea Bressers dauerten ein Jahrzehnt. Gegen die Ablehnung des KreissonderhilfsausschussesWiedenbrück im August 1949, ihren Mann als NS-Verfolgten anzuerkennen – es sei nur ein wirtschaftlicher Machtkampf gewesen – legte sie 1950 erfolgreich Berufung ein. Dennoch stockte das Entschädigungsverfahren. Ein Hauptgrund hierfür war der Strafprozess gegen Christian Franke: Durch dessen – allesamt erfolglose – Berufungen bis 1954 waren die Prozessakten zeitweise als Beweismaterial nicht verfügbar.

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Daniel Bresser
Enkel von Hugo Bresser, 2025

Erst mit den Anträgen nach Bundesentschädigungsgesetz von Thea und Karl Ludwig Bresser 1955 wurde der Prozess neu in Gang gesetzt. Gegen die erneute Ablehnung im Februar 1957 klagten sie abermals erfolgreich. Die Entschädigungskammer Detmold befand im Dezember 1957, dass Hugo Bresser durch das Abhören von Feindsendern in exponierter Stellung „ganz bewußt unter Einsatz von Freiheit, Leib und Leben gegen das NS-Regime gekämpft“ hatte. Er hatte seine Funktion als Teilhaber der arisierten Firma nicht „zur Unterstützung der NS-Zielsetzung“, sondern „als Sachwalter der bisherigen jüdischen Eigentümer“ wahrgenommen. Er habe „alles in seiner Kraft Liegende getan, um die Einflussnahme und NS-Bestrebungen des Dr. [sic] Franke im Werk zu verhindern.“ Die 1958 zugesprochenen Entschädigungen in Form einer Rente und Zahlungen für „Schaden am Leben“ und „Eigentum und Vermögen“ von Hugo Bresser wurden erst 1959 nach anwaltlichen Anmahnungen gezahlt.

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Daniel Bresser
Enkel von Hugo Bresser, 2025

Daniel Bresser konnte sich mithilfe der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel ein genaueres Bild der NS-Verfolgung und des Schicksals seines Großvaters machen.

„Wenig gesprochen“

Daniel Bresser
Enkel von Hugo Bresser, 2025

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