Abschiedsbrief von Friedrich Zänkert an seinen Bruder, 1. April 1941 (Auszug)
NLA Abteilung Wolfenbüttel
Leben vor der Haft
Friedrich Hermann Zänkert wurde am 7. Juli 1905 in Aken an der Elbe geboren. Er wuchs in armen Verhältnissen in einer Großfamilie mit neun Geschwistern auf. Seine Eltern Hermann und Luise Zänkert (geb. Sebastian) arbeiteten beide in Fabriken, um die Familie zu ernähren. Friedrich Zänkert brach die Volkschule in der 5. Klasse ab und wurde Hilfsarbeiter. Zu seiner schwerkranken Mutter hatte er eine enge Bindung. Ihr früher Tod warf den 15jährigen aus der Bahn. Mehrfach wurde er bei kleineren Diebstählen erwischt, bis ihn ein Gericht im Februar 1921 zur Fürsorgeerziehung in ein Heim nach Mittweida in Sachsen überwies. Mindestens fünfmal versuchte er aus dem Heim bzw. von den ihm zugewiesenen Arbeitsstellen zu entweichen. 1924 zog er zurück nach Aken, später ins nahe gelegene Zerbst. Dort fand er zunächst Arbeit beim Mitteldeutschen Maiswerk. Am 11. Juni 1927 heiratete er Martha Eisel. Wenig später wurde die gemeinsame Tochter Anneliese geboren.
Verhaftung und Verurteilung
Friedrich Zänkert beging weiterhin kleinere Delikte wie Wilderei und Betrug und verbüßte kurze Haftstrafen. Im Januar 1936 wurde er wegen schweren Diebstahls zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt. Diese verbüßte er im ZuchthausCoswig und im Strafgefangenenlager VII Esterwegen. Im Juni 1938 kehrte er nach Zerbst zurück. Seine Frau Martha war zu diesem Zeitpunkt bereits an Krebs erkrankt.
In der Nacht zum 10. November 1940 drang Friedrich Zänkert in die Speisekammer eines Wohnhauses in Zerbst ein und wurde von den Bewohnern gestellt. Beim Versuch zu fliehen verletzte er einen von ihnen mit einem Gartenmesser. Am Tag darauf wurde er festgenommen und am 14. November in die Untersuchungshaft nach Dessau überführt. Das SondergerichtAb dem 21. März 1933 in jedem Oberlandesgerichtsbezirk eingerichtet, dienten die Sondergerichte der schnellen strafrechtlichen Ahndung regimekritischen Verhaltens. In sog. Schnellverfahren wurden mehrere 1.000 Menschen unterschiedlicher Herkunft zum Tode verurteilt. Magdeburg verurteilte ihn am 28. Januar 1941 als „Gewaltverbrecher“ und „Volksschädling“ zum Tode. Bei der Verurteilung spielten seine „Persönlichkeit und das ganze Vorleben des Angeklagten“ eine zentrale Rolle.
Urteil des Sondergerichts Magdeburg gegen Friedrich Zänkert, 28. Januar 1941 (Seite 20 von 22)
NLA Abteilung Wolfenbüttel
„Die Eigentumsvergehen ziehen sich somit wie eine ununterbrochene Kette durch das ganze Leben des Angeklagten, den weder die Fürsorgeerziehung noch schwere Strafen von der Fortsetzung seines diebischen Lebens haben zurückhalten können. Der Angeklagte besitzt einen tief eingewurzelten, auf einer Charakterveranlagung beruhenden, weder durch Ermahnungen, Ratschläge noch durch schwere Strafen zu beeinflussenden Hang zu Eigentumsvergehen aller Art. […] Der Angeklagte ist daher als ein Gewohnheitsverbrecher anzusehen.“
Haftzeit und Hinrichtung
Am Tag nach dem Urteilsspruch wurde Friedrich Zänkert ins Strafgefängnis Wolfenbüttel überstellt. Seine Frau stellte ein Gnadengesuch, das jedoch abgelehnt wurde. Als ihm am Abend vor der Hinrichtung die bevorstehende Vollstreckung mitgeteilt wurde, erklärte er, er habe die Tat nicht aus Ulk, sondern aus Not begangen, da er zu Hause eine kranke Frau habe.
„Lieber Bruder, Martha hat Unterleibskrebs, die wirst du wahr[scheinlich] nicht wieder sehen und mich auch nicht. Lieber Willi du warst mir immer der liebste […] von allen. Schade, daß wir uns nicht wieder sehen, ich hätte dir noch viel zu erzählen.“
Abschiedsbrief von Friedrich Zänkert an seinen Bruder, 1. April 1941 (Auszug)
NLA Abteilung Wolfenbüttel
Die Hinrichtung fand am 4. April 1941 um 6:01 Uhr morgens statt. Sein Leichnam konnte nicht von der Familie bestattet werden, sondern wurde zu Forschungszwecken an das Anatomische Institut der Universität Göttingen abgegeben.
Öffentliche Bekanntmachung der Hinrichtung von Friedrich Zänkert, 4. April 1941
LASA Standort Magdeburg, C 140 Nr. 3
Auswirkungen auf die Familie
Martha Zänkert erlag am 8. März 1945 ihrer Krebserkrankung. Somit verlor die Tochter Anneliese noch vor ihrem 18. Geburtstag beide Elternteile. Sie blieb in Zerbst und bekam dort 1949 ihren Sohn Hilmar. Die beiden lebten allein und hatten wenig Kontakt zu anderen Verwandten. Anneliese Zänkert erzählte ihrem Sohn, dass sein Großvater wegen eines Diebstahls von den Nationalsozialisten hingerichtet worden war. Sie selbst hatte ihren Vater in guter Erinnerung behalten, aber sie sprach nicht viel über ihn.
Später wollte Hilmar Zänkert mehr über seinen Großvater erfahren. Doch Anfragen an Behörden oder Einrichtungen in der Bundesrepublik – wo auch Wolfenbüttel lag – hätten, so erinnert er sich, unter Umständen zu Schwierigkeiten führen können. Um eine Entschädigung bemühte sich die Familie nicht. Da Friedrich Zänkert als „Gewaltverbrecher“ verurteilt worden war, war eine Anerkennung als Opfer des Faschismus in der DDR ausgeschlossen.
„Zu DDR-Zeiten war es nicht so einfach“
Hilmar Zänkert
Enkel von Friedrich Zänkert, 2018
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Mehr InformationenNach seiner Pensionierung kontaktierte Hilmar Zänkert 2016 schließlich die Gedenkstätte Wolfenbüttel und stieß bei Recherchen auf weitere Straf- und Gerichtsakten zu seinem Großvater. Im Juni 2019 bescheinigte ihm die zuständige Staatsanwaltschaft die Aufhebung des Todesurteils.
Da sein Großvater nie ein Grab bekommen hatte, kontaktierte Hilmar Zänkert außerdem die Universität in Göttingen. Er erfuhr, dass es dort keine Unterlagen über den Verbleib des Leichnams mehr gab. Daraufhin setzte er sich mit der Gedenkstätte erfolgreich dafür ein, dass ein Zeichen der Erinnerung für die NS-Justizopfer entsteht, deren Körper ohne Einwilligung an das Anatomische Institut übergeben worden waren.
„Da muss es wenigstens eine Stele geben“
Hilmar Zänkert
Enkel von Friedrich Zänkert, 2018
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