Interview mit Andrea Mattes, Enkelin von Ernst Harloff, 2025
Gedenkstätte Wolfenbüttel
Leben vor der Haft
Ernst Harloff kam am 19. Dezember 1899 in Hamburg-Ochsenwerder zur Welt. Nach dem Besuch der Volksschule arbeitete er im elterlichen Gemüsebaubetrieb. Im März 1917 wurde er Soldat, 1918 kämpfte er in Flandern. Zurück in Hamburg arbeitete er als Rangierer, später als Gelegenheitsarbeiter und seit 1924 als Speicherarbeiter im Hafen. 1925 heiratete er Emma Martens; sie bekamen vier Kinder. Nach der Weltwirtschaftskrise fand Ernst Harloff erst 1934 wieder eine dauerhafte Anstellung bei der Bergedorf-Geesthachter Eisenbahn (BGE).
Lebenslauf von Ernst Harloff, 19. August 1943
Niedersächsisches Landesarchiv Wolfenbüttel 43 A Neu Fb. 2 Nr. 101
1935 zog die Familie in ein Dorf in den Hamburger Vier- und Marschlanden. Auch wenn sie nun ein gutes Auskommen hatte, stahl Ernst Harloff aus Paketen, die er am Bahnhof verladen musste. Am 12. Dezember 1942 wurde er festgenommen.
Reste der Paketverpackung und Begleitbrief, die Ernst Harloff des Diebstahls überführten
Staatsarchiv Hamburg 213-11, 68726.
Nach eigenen Angaben hatte er es als Raucher vor allem auf Tabak abgesehen. Tatsächlich stahl er aber auch Kleidung und Lebensmittel. Die Umstände dafür waren günstig. Die Pakete konnte er am Bahnhof ohne jede Kontrolle verladen und ungestört öffnen. Aufgrund des blühenden Tauschhandels erregte er keinen Verdacht, wenn er das Diebesgut nach Hause brachte. Auch reklamierten wohl viele Geschädigte ihren Verlust nicht, weil sie bezugsscheinpflichtige Waren mit falscher Deklaration verschickt und damit selbst gegen Gesetze verstoßen hatten. Auch Freunde, Verwandte und Nachbarn profitierten von Ernst Harloffs Taten.
Ermittlungen, Prozess und Hinrichtung
Die Polizei ermittelte nicht nur gegen Ernst Harloff, sondern auch wegen Hehlerei gegen dessen Ehefrau Emma.
„… und es wurde erwähnt, dass zwei weinende und schreiende Kinder da waren.“
Andrea Mattes,
Enkelin von Ernst Harloff, 2025
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Mehr InformationenDer Oberstaatsanwalt klagte Ernst Harloff als „gefährlichen Gewohnheitsverbrecher“, „Volksschädling“ und „Kriegswirtschaftsverbrecher“ an, weil er die Versorgung der Bevölkerung „böswillig gefährdet“ habe. Davon konnte zwar keine Rede sein, doch verurteilte ihn das Gericht für die Diebstähle zum Tode. Seine Frau erhielt eine zweieinhalbjährige Haftstrafe und verlor das Sorgerecht für ihre Kinder.
„Alles, was vorher war, hat überhaupt nicht mehr […] gezählt“
Andrea Mattes,
Enkelin von Ernst Harloff, 2025
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Mehr InformationenDer Oberstaatsanwalt klagte Ernst Harloff als „gefährlichen Gewohnheitsverbrecher“, „Volksschädling“ und „Kriegswirtschaftsverbrecher“ an, weil er die Versorgung der Bevölkerung „böswillig gefährdet“ habe. Davon konnte zwar keine Rede sein, doch verurteilte ihn das Gericht für die Diebstähle zum Tode. Seine Frau erhielt eine zweieinhalbjährige Haftstrafe und verlor das Sorgerecht für ihre Kinder.
„Das Urteil soll mit größter Beschleunigung vollstreckt werden.“
Andrea Mattes,
Enkelin von Ernst Harloff, 2025
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Mehr InformationenAm 17. August 1943 wurde Ernst Harloff aus dem ZuchthausDie Zuchthaushaft wurde als Freiheitsstrafe bei Kriminaldelikten zusammen mit dem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verhängt. Die mildere Freiheitsstrafe war die Gefängnishaft. Unter dem NS-Regime wurden die im Zuchthaus verhängten Strafmaßnahmen, insbesondere Zwangsarbeit und Entbehrung, stark verschärft. Celle in das Strafgefängnis Wolfenbüttel verlegt. Dort verbüßte er in Haus II „strenge Einzelhaft, gefesselt“. Am 23. August 1943 wurde er um 20.04 Uhr mit der Guillotine hingerichtet.
Auswirkungen auf die Familie
Sein Sohn Gerhard, bei der Verhaftung seiner Eltern fünf Jahre alt, wusste vom Schicksal Ernst Harloffs lange nichts. Auch lange nach dem Krieg wehrten die älteren Familienmitglieder jede Nachfrage ab. Er glaubte schließlich, sein Vater habe jemanden erschossen und sei deshalb als „Kriegsverbrecher“ hingerichtet worden. Auch seine Mitschüler warfen ihm das vor. Er fühlte sich „so ein bisschen geächtet und ausgestoßen“. Dennoch wollte er sich möglichst gut in das Dorfleben integrieren. Seinen eigenen Kindern erzählte Gerhard Harloff, ihr Großvater „sei nicht aus dem Krieg zurückgekommen“.
„Wo hätte Emma denn hingehen sollen, so mit den Kindern?“
Andrea Mattes,
Enkelin von Ernst Harloff, 2025
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Mehr InformationenEntschädigung
2020 erfuhr Gerhard Harloffs Tochter Andrea Mattes von der Hinrichtung ihres Großvaters. Gemeinsam mit der Gedenkstätte Wolfenbüttel gelang es ihr, Informationen und Dokumente über seine Verurteilung zu finden. Für Gerhard Harloff war es eine große Erleichterung, dass sein Vater kein Mörder gewesen war. Doch erst die von der Staatsanwaltschaft Hamburg ausgestellte Bescheinigung über die Urteilsaufhebung half ihm, den Unrechtscharakter der NS-Strafjustiz zu verstehen. Andrea Mattes setzte sich für eine Entschädigungszahlung an ihren Vater ein.
„Auch wenn Opa geklaut hat, es war trotzdem Unrecht“
Andrea Mattes,
Enkelin von Ernst Harloff, 2025
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Mehr InformationenSo erhielt ihr Vater am 15. Oktober 2024 eine Härteleistung im Rahmen des Allgemeinen Kriegsfolgengesetzes ausbezahlt. Für ihn war nicht das Geld, sondern die damit verbundene symbolische Geste entscheidend.
Wie auch ihrem Vater fiel es Andrea Mattes schwer, öffentlich über das Schicksal Ernst Harloffs zu sprechen. Vor einem Treffen von Nachkommen in Wolfenbüttel fürchtete sie, nur auf Nachfahren von Widerstandskämpfern zu stoßen. Dann erkannte sie, wie viele andere Personen für geringfügige Delikte hingerichtet worden waren. Mittlerweile fällt es ihr nicht mehr schwer, öffentlich über die Geschichte ihres Großvaters zu sprechen.
„Jemanden totzuschweigen, dass das eigentlich das Schlimmste ist“
Andrea Mattes,
Enkelin von Ernst Harloff, 2025
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